Festschrift für Papst Benedikt XVI.
zum 95. Geburtstag - 16. April 2022

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Am 28. April 2017 übergab der Vorsitzende der  "Gesellschaft zur Förderung christlicher Verantwortung", Rechtsanwalt Roger Zörb,
in Berlin dem Apostolischen Nuntius in Deutschland, S. E. Erzbischof Nikola Eterovic, die für den
papa emeritus bestimmten Festschriften zwecks Weiterleitung an Papst Benedikt XVI.
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Der Heilige Vater feierte am 16. April 2017

seinen 90. Geburtstag

 

Der 80. Geburtstag des Heiligen Vaters Benedikt XVI. liegt inzwischen zehn Jahre zurück. Im Rahmen einer Audienz am 25. April 2007 konnte unsere erste Festschrift Seiner Heiligkeit bei strahlendem Sonnenschein auf dem Petersplatz übergeben werden. Unser Ehrenherausgeber, Professor Georg Ratzinger, schrieb im Nachgang zur Übergabe in Rom die folgenden Sätze:

 

„Von meinem Bruder, dem Heiligen Vater, erfuhr ich inzwischen, dass Sie ihm das Buch überreichen konnten. Sowohl diese Überreichung als auch das Buch selbst haben ihm große Freude bereitet und er empfindet es nach meinem Urteil als ganz besonderen Beitrag zur Feier seines Geburtstages.“

 

Auch die Festschrift zum 85. Geburtstag konnte dem Heiligen Vater persönlich übergeben werden. Diese eindrucksvolle Begegnung am 25. April 2012 war ein Erlebnis, das den Teilnehmern noch oft Kraft für den Alltag spendet. Eine besondere Überraschung und Freude war nach der Übergabe eine spontane Einladung unseres Ehrenherausgebers zu einem kurzen Besuch in das päpstliche Haus.

 

Nach der Lektüre der Festschrift bedankte sich der Heilige Vater mit folgenden Zeilen:

 

„So möchte ich Ihnen nun selber ein Wort ganz herzlichen Dankes für dieses reichhaltige Buch sagen, in dem prominente Autoren, die als Christen mitten in der Welt und vielfach in der politischen Arbeit stehen, den Zusammenhang von Glaube und politischem Handeln beleuchten. Es ist ein außerordentlich reichhaltiges Buch, in dem ich immer wieder gern lese.“

 

Ein schönerer Lohn für die Autoren ist kaum denkbar!

Auch anlässlich seines 90. Geburtstages am 16. April 2017 möchten wir – inzwischen als „Gesellschaft zur Förderung christlicher Verantwortung“ – unserem papa emeritus eine kleine Lesefreude aus seiner deutschen Heimat bereiten. Hierzu tragen alle Autoren und Gratulanten bei. Besonderer Dank gebührt an dieser Stelle einigen edlen Spendern, welche die Verbreitung der Festschrift in großzügiger Art und Weise unterstützen. Durch diese war es auch möglich, der Festschrift zwei Kunst-Postkarten mit dem Geburtshaus und der Taufkirche des Heiligen Vaters in Marktl am Inn beizulegen. Gott vergelt’s!

 

Den Textbeiträgen der Autoren vorangestellt ist das eigens für die Festschrift

geschaffene Gemälde SUA SANTITÀ PAPA EM. BENEDETTO XVI. des Künstlers Otto-Ernst Holthaus sowie die begleitenden Grußworte des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber und des Abtes des Klosters Scheyern,

Markus Eller OSB.

 

Die Textbeiträge im folgenden Teil der Festschrift sind wiederum ein „bunter Strauß“ aktueller Themen, die sich in einem weiten Sinne mit dem Thema „Freude am Glauben“ beschäftigen. Hierbei hatte jeder Autor die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen. Dies ist, wie wir meinen, vielfältig und zum Teil in eindrucksvoller persönlicher Art und Weise gelungen:

 

Mit Papst Benedikt XVI. verbinden Erzbischof em. Dr. Karl Braun viele Begegnungen im römischen Priesterkolleg S. Maria dell’Anima während des Zweiten Vatikanischen Konzils. In späteren Jahren durfte er mit ihm zahlreiche Gespräche – vor allem in seiner Eigenschaft als Präfekt der römischen Glaubenskongregation – führen. Dabei erfuhr der Autor ihn nicht nur als unbeugsamen Verteidiger des Glaubens, der in Treue zum Bekenntnis der Kirche steht und lebt, sondern auch als einen überragenden Geist, der in intellektueller Souveränität und großer innerer Freiheit die Probleme unserer Zeit angeht. Vorliegend fordert er: Alle Aktivitäten und Dienste der Kirche sollen stärker auf die lebendige Mitte des Glaubens ausgerichtet werden; auf die Sorge um die unverkürzte Weitergabe des Glaubens und seine Vertiefung.

 

Zur hl. Hildegard von Bingen hatte Papst Benedikt schon in seinen frühen Jahren Zuneigung gefasst. Als er am 07. Oktober 2012 Hildegard von Bingen – nachdem er sie zuvor im Mai desselben Jahres offiziell heiliggesprochen hatte – zur Kirchenlehrerin erhob, überbot er alles, was er durch wissenschaftliche theologische Studien hätte leisten können: Mit diesem bedeutungsvollen Akt aktualisierte der Papst die Person und die Botschaft der hl. Hildegard für das angehende dritte Jahrtausend. Die Benediktinerinnen-abtei St. Hildegard in Eibingen/Rüdesheim am Rhein, die das geistige und geistliche Erbe der hl. Hildegard bewahrt und lebendig weiterträgt, fühlt sich Papst Benedikt XVI. zum tiefsten Dank verpflichtet, dass er ihre Klosterpatronin der universalen Kirche als Lehrerin des Glaubens und der Liebe anvertraut hat, wie Äbtissin Mutter Dorothea Flandera OSB und Sr. Maura Zátonyi OSB in ihren „Betrachtungen über Glaube, Hoffnung und Liebe bei der Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen“ schreiben.

 

Papst Benedikts große Enzykliken über die Liebe und über die Hoffnung wurzeln nach eigener Aussage in Augustins doppelter Bekehrung: einmal zur demütigen Fleisch-werdung Jesu und dann zur demütigen Verschwendung an seine Kirche. Kirche ist die fortgesetzte Fleischwerdung Christi – in Sakrament, Amt, Dogma, Liturgie, Recht, Barmherzigkeit, in allen Bereichen der Welt. Entscheidend blieb für Joseph Ratzinger, so Prof. em. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, „ob Vernunft ein zufälliges Nebenprodukt des Unvernünftigen und im Ozean des Unvernünftigen letztlich auch bedeutungslos ist, oder ob es wahr bleibt, was die Grundüberzeugung des christlichen Glaubens und seiner Philosophie bildet: In principio erat Verbum – am Anfang aller Dinge steht die schöpferische Kraft der Vernunft.“

 

Die Rechtskultur braucht die reinigende Kraft des Glaubens, stellt Prof. P. Dr. Markus Graulich SDB in seinem Beitrag fest. Nicht nur in ihrer Soziallehre argumentiert die Kirche von der Vernunft und vom Naturrecht her, das heißt von dem aus, was allen Menschen wesensgemäß ist. Und sie weiß, dass es nicht Auftrag der Kirche ist, selbst diese Lehre politisch durchzusetzen: Sie will der Gewissensbildung in der Politik dienen und helfen, dass die Hellsichtigkeit für die wahren Ansprüche der Gerechtigkeit wächst und zugleich auch die Bereitschaft, von ihnen her zu handeln, selbst wenn das verbreiteten Interessenlagen widerspricht. Da dies eine grundlegende menschliche Aufgabe ist, hat die Kirche die Pflicht, auf ihre Weise durch die Reinigung der Vernunft und durch ethische Bildung ihren Beitrag zu leisten, damit die Ansprüche der Gerechtigkeit einsichtig und politisch durchsetzbar werden.

 

Europa und jedes einzelne Volk in Europa können so viel erreichen, wenn es uns gelingt, den Frieden zu wahren, das Recht einer gemeinsamen Ordnung immer weiterzuent-wickeln und auch durchzusetzen und die Freiheit als höchstes Gut der Menschen zu verteidigen. Auch darum plädiert Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff entschieden für Realismus und wiederholt die Perspektive, diesen Kontinent aus dem realen Erleben der gemeinsamen Befreiung wieder zu errichten. Dazu muss zur Geltung gebracht werden, was den Charakter Europas ausmacht – die christliche Ethik, der garantierte Rechtsstaat und die demokratische Mitwirkung des Einzelnen am Gemeinwesen. Wenn wir diese Prinzipien streng beachten und alle Aufgaben weiter gemeinsam angehen, dann werden wir unser Miteinander immer weiter vertiefen und jedes Gegeneinander endgültig überwinden. Eine solche Entwicklung wäre ein unübersehbares Zeichen für die tiefreichende Kraft des Glaubens, die uns einen Aufbruch zur Versöhnung ermöglicht hat.

 

Nach der katholischen Lehre sind das Gebet und die guten Werke der Gläubigen für die Seelenruhe der Entschlafenen wirksam. Sie sind ein Liebeserweis den Verstorbenen gegenüber. Bischof Dr. Vitus Huonder beklagt, dass in den vergangenen Jahren ein substantieller Wandel bezüglich des Gedenkens für die Verstorbenen erfolgte: Ein eigentlicher Glaubensverlust ist es, wenn von diesem Wandel das fürbittende Gebet betroffen ist. Man sprach früher von Gedächtnismessen. Darunter verstand man das Bittgebet und die Heilige Messe als Opferfeier für die Verstorbenen. Diese Auffassung hat sich aber zum Teil stark verändert. Das Ergebnis ist, dass für die Verstorbenen im Sinne der Bitte um Erlösung und Befreiung immer seltener gebetet wird. Die heilige Messe verliert an Bedeutung als Opfer für die Verstorbenen. Messgaben in dieser Intention werden in vielen Gegenden immer seltener. Das hängt alles mit dem stark veränderten Ausdruck des Glaubens zusammen, und es bleibt uns auch in dieser Hinsicht die Aufgabe der Neu-Evangelisierung.

 

Trotz der kaum noch überschaubaren Literatur zur Theologie Joseph Ratzingers wird es noch dauern, bis eine kompetente theologiehistorische Verortung seines Werkes vorliegen wird. Ratzinger selbst war schon 1955 durchaus klar „dass es aufs Letzte gesehen nur die Alternative zwischen Katholizismus und Liberalismus gibt und dass alle anderen Auswege auf die Dauer unhaltbar sind“ (Offenbarung und Heilsgeschichte). Vor dieser Alternative ist die Position Ratzingers an Eindeutigkeit auch 30 Jahre später nicht zu überbieten: „Der Katholizismus meines Heimatlandes Bayern hat es verstanden, allem was menschlich ist Raum zu geben: dem Gebet, aber auch dem Fest; der Buße, aber auch der Fröhlichkeit, ein freudiges, farbiges, menschliches Christentum“. Der geniale Theologe, der seine Laufbahn im Dialog mit Bonaventura begann, die großen mittel-alterlichen Meister bewundert und den Barock eingeatmet hat, sollte nicht vorschnell theologisch etikettiert und vereinnahmt werden, fordert Prälat Dr. Wilhelm Imkamp. Denn seine Bedeutung übersteigt jede Etikettierung.

 

Gottes Allmacht ist zeitlos und überlebt allen Wandel. Hierfür steht auch die Präambel des Grundgesetzes. „In Verantwortung vor Gott und den Menschen“ – diese Formulierung hat nichts von ihrer Bedeutung und Aktualität verloren. In ihrer Zeitlosigkeit ist noch heute beeindruckend, wie universell die Mütter und Väter des Grundgesetzes ihre Worte zur damaligen Zeit gewählt haben, meint Bundesminister a.D. Dr. Franz Josef Jung, MdB. Natürlich steht die Präambel auch vor dem Hintergrund der damaligen Zeit: Deutschland hatte mit einem fatalen Krieg und der Vernichtung fast allen jüdischen Lebens in Europa große Schuld auf sich geladen. Die damals noch junge Demokratie brauchte eine Instanz, aus der sie ihre Verantwortung ableiten konnte. Die bewusste Hinwendung zu Gott lag daher nahe. Heute ist die Formulierung aktueller denn je. Angesichts zunehmender religiöser Pluralisierung spielt der Gottesbezug wieder eine größere Rolle. Die Präambel erinnert und mahnt die Bürger in Deutschland insgesamt – und insbesondere diejenigen, die Gesetz gestalten und anwenden – immer wieder an ihre spezielle Verantwortung.

 

Wer angesichts der Not vieler Flüchtlinge, welcher Religion auch immer, kein Mitleid spürt, hat kein Herz, aber wer nur Mitleid hat, hat keinen Verstand, sagt Henryk Broder treffend. Alle Menschen, vor allem Christen und ihre Bischöfe sollten sich den Not-leidenden öffnen, aber sich nicht dem Islam anbiedern. Stattdessen sollten sie nach-denken: Wie können wir, nach der ersten, unmittelbaren Hilfe für Notleidende die Muslime mit dem Evangelium bekanntmachen, sie vielleicht zum Glauben an Christus führen und von den Menschenrechten überzeugen, weil diese auch ohne Religion erkannt werden können? Fragen, die Weihbischof Prof. Dr. Andreas Laun OSFS in seinem Beitrag stellt. Christen dürfen die Unterschiede zwischen Jesus und Mohammed nicht kleinreden, sondern müssen sie sichtbar machen. Dass es in allen Religionsgemein-schaften „anständige und unanständige Menschen“ gibt, zeigt die Erfahrung, aber das genaue Hinschauen zeigt darüber hinaus Unterschiede in den Religionen, von denen manche gefährlich werden können. Um diese zu erkennen, ist es besonders hilfreich, auf Islam-Dissidenten zu hören, die „ausgestiegen“ sind und auf Grund ihrer Erfahrung wissen, wovon sie reden.

 

Christen sind bei Menschenrechtsthemen klar im Vorteil: Alle Menschen sind gleich-wertig, von der Zeugung bis zum Tod, unabhängig von Geschlecht, Aussehen, Hautfarbe, Zustand, Leistungsfähigkeit – „eine wundervolle Grundlage für unsere Arbeit“, findet die Lebensschützerin Alexandra Maria Linder. Unser Glaube beruht auf Freiwilligkeit, bietet jedem Menschen einen Weg in den Himmel und gesteht uns Fehler zu, die wir aufrichtig bereuen und wiedergutmachen können. Wir haben die Wahrheit nicht dräuend im Nacken, sondern stützend im Rücken. Das führt, jedenfalls was mich betrifft, zu Gelassenheit und Vertrauen, und es motiviert jeden Tag aufs Neue, wieder auf die Straße zu gehen, zum Telefonhörer oder zur Feder zu greifen, nach dem Motto: Suaviter in modo, fortiter in re.

 

Der bischöfliche Wahlspruch, den sich Joseph Ratzinger bei der Übernahme der episkopalen Verantwortung gab, lautete Cooperatores veritatis – wir sind Mitarbeiter der Wahrheit. Ein hoher Anspruch, dem sich auch Benedikt XVI. stellte, ein Anspruch, der zugleich deutlich machen wollte und sollte, dass es in der Verkündigung des Evangeliums nicht um eine unverbindliche Mitteilung oder gar eine subjektive Kommunikation gehen könne, sondern um eine an der geoffenbarten Wahrheit Gottes orientierte Vermittlung von Glaubenswissen und Informationen, die heilsbedeutenden Charakter haben und der Beliebigkeit entzogen sein müssen. Es ist von Martin Lohmann möglicherweise gewagt, in diesem Zusammenhang zu fragen, ob auch Journalisten aufgrund ihrer hohen Verantwortung Mitarbeiter der Wahrheit sein können oder gar müssen. Und doch darf überlegt werden, inwieweit es Gemeinsamkeiten hinsichtlich des Fundamentes geben kann und sogar geben muss, wenn Kommunikation und Information dem Menschen und seiner Würde gerecht werden sollen.

 

In Friedrich Joseph Haass begegnet uns ein Mann deutscher Herkunft, der in Moskau von der russischen Bevölkerung geschätzt und geachtet wurde. Der „Heilige Doktor von Moskau“ erhielt seinen Ehrentitel am Ende seines Lebens in Achtung vor seiner Lebensleistung von den Menschen in Russland nicht zuletzt aufgrund seiner aufopfernden Sorge für die nach Sibirien Verbannten. Auch aus diesen Gründen eröffnete das Erzbistum Köln im Jahre 1998 ein Seligsprechungsverfahren für ihn, um sein Vorbild in das Gedächtnis der Kirche und der ganzen Menschheit bleibend einbrennen zu lassen. Prälat Prof. Dr. Helmut Moll stellt uns diese „lichte Gestalt“ (Papst Benedikt XVI.) vor. Das Lebensmotto von Dr. Haass hat bis in unsere Gegenwart nichts von seiner Aktualität eingebüßt: „Beeilt Euch, Gutes zu tun“.

 

Joseph Ratzinger hat als Theologe das Konzil in allen seinen Phasen mitgestaltet und begleitet. An der Seite des Kölner Erzbischofs Josef Kardinal Frings sowie später als selbstständiges Mitglied verschiedener Kommissionen war er maßgeblich an der Entstehung der unterschiedlichsten Texte beteiligt. Er war durch seine akademischen Qualifikationsarbeiten über den Kirchenbegriff des Heiligen Augustinus und über den Offenbarungsbegriff des Heiligen Bonaventura besonders geeignet und bestens vorbereitet, um den zentralen Fragen, die sich der Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts gestellt haben, zu begegnen. Dazu gehörte nach den Erfahrungen des Krieges und einer sich umwälzenden Gesellschaft in den 1960er Jahren auch der zunehmende Mangel an Bedeutung und Präsenz in der Welt. Kardinal Gerhard Müller läßt uns teilhaben an seinen Gedanken zu Band 7 der „Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften“: Zur Lehre des Konzils. Formulierung – Vermittlung – Deutung.

 

Benedikt XVI. hat während seiner zahlreichen Besuchsreisen unzählige Reden gehalten. Seine Aufrufe zum Frieden sowie gegen Gewalt und Missachtung der menschlichen Würde standen dabei im Vordergrund. Hierbei richtete er sich oft an die Adresse der Politik und scheute keine Kritik, mit der er bestehende Missstände anprangerte. Er hatte selbst in seiner Jugendzeit den „braunen Terror“ des Nazi-Regimes mit der „Bedrohung des Menschseins und des Glaubens“ erlebt. In der 1968er-Bewegung hat er die besondere Gefahr gesehen, dass diese „Reformbewegung in der Kirche eine gefährliche Anpassung an die Welt“ bedeutet, und in der sogenannten Befreiungstheologie sah er „die Gefahr einer Politisierung des Glaubens und einer Sakralisierung der Politik“ gegeben. Benedikt XVI. war nicht nur theologisch brillant, sondern in gesellschaftlichen und politischen Fragen einer der großen Vordenker unserer Zeit, nicht selten mit prophetischen Gaben. Ministerpräsident a.D. Prof. Dr. Werner Münch analysiert von den zahlreichen bedeutenden Reden zwei, die einen besonderen Rang haben: seine Ansprachen vor der UNO 2008 und vor dem Deutschen Bundestag 2011.

 

Der Beitrag von Prof. Dr. Dr. Elmar Nass tritt der in der deutschsprachigen Theologie weitgehend propagierten Preisgabe einer wesentlichen Erkenntnisquelle in der Sozialethik entgegen. Er will aufzeigen, warum naturrechtliche Systematik für ein katholisch-theologisches Profil der Zukunft unverzichtbar ist, und das auch für eine praxisorientierte Sozialethik. Diese Erinnerung argumentiert jenseits sich an aktuelle ideologische Sozialphilosophie anhängende methodologische Atheismen oder gottvergessene Sozialethik in theologischem Gewand. Sie dreht die zeitgeistige Logik aktueller katholischer Sozialethik um und vertritt stattdessen eine selbstbewusst theologische Argumentation sozialethischer Orthopraxie. Hierzu werden die Anliegen von Systematik und Praxis vorgestellt und mit Verweis auf Benedikt XVI. Brücken zueinander geschlagen, ehe die Diskussion zum Praxisfeld ‚Caritas‘ Ernst macht mit einer Orthopraxie diesseits naturrechtlicher Sozialethik.

 

Die Mitglieder des Deutschen Ordens, dessen am 19. November 1190 erfolgte Gründung Antwort gab auf eine damals im Feldlager vor Akkon bestehende konkrete Notlage, verwirklichen heute im Glauben an den Sinn des Kreuzes die dem Deutschen Orden verbliebene caritative Tätigkeit. Dies geschieht in der Pflege der Kranken, der Alten, der Armen und der Hilfsbedürftigen in den sich wechselnden Formen der sozialen Fürsorge in Werken der christlichen Erziehung und Bildung der Kinder, der Jugend und der Erwachsenen. Der Orden setzt sich dadurch gemäß der Überlieferung in Gehorsam gegenüber dem Papst als dem höchsten Oberen ein zum Schutz der Wehrlosen und in der Seelsorge am Menschen. Mit diesem Text von Sen. e.h. Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Salch dankt der Deutsche Orden papa emeritus Benedikt XVI. für die während seiner Amtszeit am 30. November 2006 erfolgte Approbation der derzeit geltenden Regeln der Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem.

 

Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben die Gefahr eines totalitären Regiments erkannt. Sie sind ihr, sei es gelegen oder ungelegen, entgegengetreten in der Über-zeugung: „Wenn die Kirche die unbedingte Achtung vor dem Recht auf Leben jedes unschuldigen Menschen … zu einer der Säulen erklärt, auf die sich jede bürgerliche Gesellschaft stützt, will sie lediglich einen humanen Staat fördern. Einen Staat, der die Verteidigung der Grundrechte der menschlichen Person, besonders der schwächsten, als vorrangige Pflicht anerkennt‘“. Die Furchtlosigkeit in Fragen des Lebensschutzes und der Ehe und Familie, die schon das Pontifikat Johannes Pauls II. prägte, kennzeichnet auch das Pontifikat Benedikts XVI. Der prophetische Ruf von Johannes Paul II. bei der Einführung in sein Amt am 16. Oktober 1978 „Habt keine Angst“ gilt auch für die katholische Kirche in Deutschland. Prof. Dr. Manfred Spieker beschreibt eindrucksvoll den Beitrag Benedikt XVI. zur Ökologie des Menschen.

 

Die Zeit ist mehr als reif, dass sich Europa in jeder Hinsicht als Kontinent emanzipiert und versucht, eine eigenständige kontinentalbezogene Politik zu schaffen, findet Prof.

Dr. Dr. h.c. Felix Unger. In der Geschichte hat es schon genügend Beispiele gegeben,

wie Länder aufgerieben werden. Noch erinnerlich ist das Burgunderreich, welches sich in einer Zange zwischen Frankreich und dem Habsburgerreich befunden hat. Der Hauptantrieb kann nur der sein, dass wir beginnen wieder an Europa zu glauben; an ein Europa, in dem wir über den Glauben eine Angstüberwindung finden. Wenn man den rechten Glauben an Europa hat, so wird man die verschiedenen Schwierigkeiten immer überwinden können. Die Zukunft wächst im Glauben, den wir dringend im derzeit verfallenden Europa brauchen.

 

Es steht für Prof. P. Dr. Karl Josef Wallner OCist außer Frage, dass die Feier der Liturgie als Heraustreten aus dem Profanen und Eintreten in den von Gott eröffneten Raum seiner Heiligkeit im Mittelpunkt des Denkens und Wirkens von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. steht. Immer wieder hat er das Wort ergriffen und Entscheidungen gefällt, um den sakralen Charakter der katholischen Liturgie zu verteidigen und zu fördern. Die theozentrische Schönheit der Liturgie hat Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache bei seinem Besuch im Stift Heiligenkreuz herausgestellt. Ein Abschnitt aus der Ermunterung, die er damals an die Mönche gerichtet hat, hat den Autor persönlich sehr berührt, da dieser 18 Jahre lang als Zeremoniär des Klosters für die liturgische Ästhetik mitverantwortlich war: „Euer erster Dienst für diese Welt muss daher Euer Gebet und die Feier des Gottesdienstes sein. Die Gesinnung eines jeden Priesters, eines jeden gottgeweihten Menschen muss es sein, ‚dem Gottesdienst nichts vorzuziehen‘“.

 

Unser Horizont weitet sich, wenn wir an die Sinnfragen des menschlichen Lebens gehen, an das Woher und Wohin und das Warum unserer Existenz. Hier reichen naturwissen-schaftliche Erkenntnisse keineswegs mehr aus. Wir können uns an die Gedanken und Überzeugungen der Philosophen des Abendlandes oder des Fernen Ostens halten, sie nachvollziehend aneignen und selber zu staunenden und fragenden Menschen werden. Wir können aber auch die christliche Botschaft hören und den Zeugen der Auferstehung Jesu Christi vertrauen. Vertrauen wird zu Glauben, so wie wir an andere Menschen glauben, nur in einem tieferen Sinn. Der Glaube an Jesus Christus eröffnet uns die göttliche Wirklichkeit oder noch besser: öffnet uns auf Gott hin, das unendliche Geheimnis, über das hinaus uns nach den Worten Anselms von Canterbury nicht gedacht werden kann, so Abtprimas em. Prof. Dr. Notker Wolf OSB.

 

Im abschließenden Teil der Festschrift gratulieren in einer umfangreichen tabula gratulatoria zahlreiche Persönlichkeiten, angeführt von unserem Ehrenvorsitzenden Domkapellmeister emeritus Professor Georg Ratzinger, dem Heiligen Vater zu seinem Ehrentag – darunter die Hochwürdigsten Kardinäle Brandmüller, Duka und Meisner, zahlreiche Bischöfe, Kirchenmänner, Ordensleute und Vertreter des politischen und gesellschaftlichen Lebens im gesamten deutschsprachigen Raum.

 

Wir wünschen unserem Heiligen Vater und allen Lesern unserer Festschrift, männlich wie weiblich, eine angenehme Lektüre dieses anregenden nutrimentum spiritus.

 

Hamburg, im April 2017

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