Der Heilige Vater feierte am 16. April 2012
seinen 85. Geburtstag

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Am 25. April 2012 übergab  Rechtsanwalt Roger Zörb als Vorsitzender der "Gesellschaft zur Förderung öffentlicher Verantwortung" dem Heiligen Vater Papst  Benedikt XVI. im Rahmen einer Audienz auf dem Petersplatz die Festschrift  anläßlich seines 85. Geburtstages. (Foto: L'Osservatore Romano)
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Der 80. Geburtstag des Heiligen Vaters Benedikt XVI. liegt inzwischen fünf Jahre zurück. Im Rahmen einer Audienz am 25. April 2007 konnte unsere erste Festschrift Seiner Heiligkeit bei strahlendem Sonnenschein auf dem Petersplatz übergeben werden. Unser Ehrenherausgeber, Professor Georg Ratzinger, schrieb im Nachgang zur Übergabe in Rom die folgenden Sätze:

 

„Von meinem Bruder, dem Heiligen Vater, erfuhr ich inzwischen, dass Sie ihm das Buch überreichen konnten. Sowohl diese Überreichung als auch das Buch selbst haben ihm große Freude bereitet und er empfindet es nach meinem Urteil als ganz besonderen Beitrag zur Feier seines Geburtstages.“

Auch anlässlich seines 85. Geburtstages am 16. April 2012 möchten wir unserem Heiligen Vater eine kleine Lesefreude aus seiner deutschen Heimat bereiten, die – so unser Ehrenherausgeber nach einem ersten Blick ins Werk – „es verdient, gelesen zu werden“.

Hierzu tragen alle Autoren und Gratulanten bei. Besonderer Dank gebührt an dieser Stelle dem Hamburger Unternehmer Albert Darboven, der die Verbreitung der Festschrift großzügig unterstützt. Gott vergelt’s!

 

Den Textbeiträgen der Autoren vorangestellt sind die persönlichen Glückwünsche unseres Ehrenherausgebers an seinen Bruder, unseren Heiligen Vater.

 

Es folgen begleitende Grußworte des Unternehmers Albert Darboven, des Abgeordneten und ehemaligen bayerischen Staatsministers Dr. Thomas Goppel und des ehemaligen Bundesinnenministers Dr. Rudolf Seiters, nunmehr Präsident des Deutschen Roten Kreuzes.

 

Die Textbeiträge im folgenden Teil der Festschrift sind wiederum ein „bunter Strauß“ aktueller Themen, die sich in einem weiten Sinne mit dem Thema „Kraft im Glauben“ beschäftigen. Hierbei hatte jeder Autor die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen. Dies ist, wie wir meinen, vielfältig und zum Teil in eindrucksvoller persönlicher Art und Weise gelungen:

 

Die Sorge um Europa und das Christentum in unserer Zeit war immer wieder Anlass für Papst Benedikt, das Gespräch zu suchen – mit Vertretern anderer Religionen, aber auch mit Atheisten und Agnostikern. Dabei hat er stets scharfsinnig die Sonderstellung Europas im Vergleich mit anderen Weltkulturen beschrieben und auf Europas Gefährdung hin­gewiesen, sollte es sich von seinen christlichen Wurzeln abschneiden. Professor Thomas Bargatzky beklagt in seinem Beitrag „Europas christ­liche Identität“, dass der Auflösungsprozess Europas in den „germanisch-protestantisch“ geprägten Ländern am schnellsten voranschreitet. Solange sie nicht bestimmten zeitgeistgemäßen Modernisierungs­wünschen nach­gibt, könnte die katholische Kirche, als Alternative zum Islam, auf lange Sicht hin auch im „germanisch-protestantisch“ geprägten Europa wieder eine Chance haben – wenn es ihr gelingt, Herz und Verstand der Men­schen zu gewinnen.

 

Viele Menschen messen sich nur an den Stärken der anderen und blenden völlig aus, dass auch die anderen Schwächen haben, sie setzen sich unter großen Druck, der sie unfähig macht, das mit Freude zu tun, was ihnen möglich ist. Sabine Benedikta Beschmann fragt in ihrem Bei­trag „Die Kraft aus dem Glauben und die menschlichen Grenzen“, ob wir Christen in Mitteleuropa uns nicht ein ganzes Stück weit von dem Machbarkeitswahn unserer Zeit haben anstecken lassen? Leben ist mehr als Leistungsfähigkeit – Gott hat dem Leben einen Wert gegeben, der nicht durch Krankheit und Hinfälligkeit zerstört werden kann. Eine solch gelassene Haltung zu entwickeln, fällt auch nicht in den Schoß. Es ist ein längerer Weg, bis ein Mensch seine Begrenzung annimmt und den Raum innerhalb der Grenzen entdeckt.

 

Der Bundestagsabgeordnete Thomas Dörflinger weist unter dem Titel „Kraft im Glauben — correctio fraterna für die Politik“ auf ein altes Sprichwort hin: Der Glaube kann Berge versetzen. Der Glaube besitzt also eine ganz besondere Kraft. Wenn die Kirche zwei Jahrtausende mitgestaltet, internen wie externen Widrigkeiten und Fehlern oft erfolgreich widerstanden, dabei aber im Sinne der „ecclesia semper reformanda“ die Kraft im Glauben nie nur als statischen, sondern als dynamischen Prozess begriffen hat, ist dies Ausweis dafür, dass der Volksmund durchaus richtig liegt. Der Rückgang von Bindungen und Bindungsbereitschaft der heutigen Men­schen an Institutionen jedweder Art provoziert die Frage, wie dieses Gedankengut in die Welt des 21. und 22. Jahrhunderts transferiert werden kann, ohne dass es in seiner Substanz verletzt würde und daher seine prägende Wirkung erhalten bleibt oder möglicherweise sogar gesteigert werden kann.

 

Angesichts der zunehmenden Säkularisierung Europas und eines neuen, kämpferischen Atheismus fragt der ehemalige österreichische Verteidigungsminister Dr. Werner Fasslabend unter der Überschrift „Politik aus christlicher Überzeugung“, ob das Thema Religion in der Politik überhaupt noch Aktualität und eine Zukunftsperspektive für sich beanspruchen kann. Er meint, dass es auch für säkulare und laizistische Staaten politisch nicht klug ist, auf einer absoluten Trennung zwischen Religion und Staat zu beharren, sondern es besser wäre, die Religionen als Bereicherung für das demokratische Gemeinwesen zu begreifen.

 

Die Beschleunigung der Säkularisierung in Europa kann nicht darüber hin­wegtäuschen, dass es zurzeit keine gleichwertige religions­philo­sophische Schule oder Denktradition gibt, die wie das Christentum der Politik als ethisches Fundament, Korrektiv, Stichwortgeber und systematische Quelle dient. Aus Sicht der Politik erfüllt Religion die Funktion einer Wertebasis, als Kreator eines ganzheitlichen Menschen­bildes sowie als Ordnungs­rahmen für Bürger und Gesellschaft. Eine Politik, die auf die Inspiration durch die Religion verzichtete, setzte sich der Gefahr aus, die historische Stärke Europas aufs Spiel zu setzen.

 

Die Bundestagsabgeordnete Dr. Maria Flachsbarth vertritt in ihrem Beitrag „Politik aus christlicher Verantwortung“ den Standpunkt, dass moralische Substanz der Bürgerinnen und Bürger, der Grundkonsens an Werten und Tugenden, gepflegt und weitergegeben werden müssen – eine Aufgabe, die in unserer individualisierten und pluralisierten Gesellschaft, in der es kaum noch Selbstverständlichkeiten zu geben scheint, noch an Dringlichkeit gewonnen hat. Die christlichen Kirchen sind besonders wichtige Instanzen, deren Mitarbeit bei der Generierung und Tradierung unserer Grundwerte unabdingbar ist. Der christliche Glaube bleibt dabei eine „sperrige Leitplanke“ – das Evangelium liefert keine Blaupause, schon gar kein Geheimrezept, um fehlerfrei handeln und entscheiden zu können. Grundlegend und immer wieder in Erinnerung rufen sollten wir uns aber über alle Verschiedenheit in konkreten Einzelfragen hinweg, dass er Kraftquelle des täglichen Handelns ist – und das Christentum mit seiner Kernbotschaft der Gottes- und der Nächstenliebe zum gesell­schaftspolitischen Handeln verpflichtet.

 

Dr. Peter Gauweiler, streitbarer und weithin bekannter Bundestags­abgeordneter aus Bayern, erinnert unter der Überschrift „Der bayerische Cäsar“ daran, dass der damalige Erzbischof von München und Freising, Professor Joseph Ratzinger, einen seiner ersten Besuche nach seinem Amtsantritt der Münchener evangelisch-lutherischen Gemeinde, in ihrer Bischofskirche St. Matthäus am Sendlinger-Tor-Platz, zu einem evangeli­schen Abendgottesdienst abstattete. Mit seinen ersten Worten bot er dort eine Alternative: zur hochmodernen konfessionellen Gleichmacherei genauso wie zu einer vom Willen zum Missverständnis beladenen wechsel­seitigen Abwendung. Er warb dafür, im nachbarschaftlichen Besuch kein einmaliges Ereignis zu sehen, sondern solche Besuche wechselseitig fortzusetzen. Seine Rede war von der Achtung der Liturgie des anderen geprägt. Der Unterschied als Wert. Heute wissen wir, dass die Rückkehr der Kirchen zu sich selbst die eigentliche Gemeinschaftsaufgabe von Katholiken und Protestanten sein und von jeder Generation neu auf­genommen werden muss. Auch hier hilft klares Aussprechen, und nur so kommt man zu einer höheren Stufe des wirklichen Einigseins. Auch dazu verdanken wir Benedikt einen Gewinn an Nüchternheit, Klarheit und Ehrlichkeit.

 

Die Bedeutung des Glaubens für das Leben eines Volkes wird von vielen nicht erkannt, meint der langjährige Bundestagsabgeordnete Norbert Geis und fragt „Was wird aus Deutschland?“ Der Glaube gehört zum innersten Kern eines Volkes. Fehlt er, sind die Menschen Propagan­disten, Einflüsterern und Verführern hilflos ausgeliefert. Es fehlt der innere Maßstab, die Gabe der Unterscheidung der Geister. Dann lebt jeder nach seiner Façon und macht sich seine Götter selbst. Allgemein­gültige Werte, nach denen sich das Zusammenleben in einer Gesell­schaft ausrichtet, gibt es kaum noch. Wahr ist nicht, was wahr ist, sondern was der Einzelne für wahr hält. Das Ergebnis ist Verwirrung und Zerfall. Dagegen brauchen wir Frauen und Männer, die vorangehen. Unser Papst aus Deutschland wird uns helfen können, den richtigen Weg zu gehen, wenn wir auf ihn hören.

 

„Papst Benedikt – der Brückenbauer“ – so beschreibt Professor Hubert Gindert unseren Heiligen Vater. Gerade die Friedenstreffen von Assisi stehen für Toleranz und menschlichen Respekt vor Andersgläubi­gen und Andersdenkenden. Sie stehen für das friedliche Zusammenleben in einer zunehmend globalisierten Welt, in der Gläubige unterschiedlicher Religionen heute Tür an Tür wohnen. Die Zusammenkünfte von Assisi sind aber nicht, wie gelegentlich fälschlich behauptet wird, Ausdruck von Synkretismus oder einer Gleichsetzung verschiedener Religionen. Assisi zeigt, dass der Papst nicht nur das Oberhaupt und der Repräsentant der Katholischen Kirche ist. Als Stellvertreter Christi auf Erden, dem es um das Heil aller Menschen ging, ist er auch Brückenbauer zu den Menschen der verschiedenen Religionen und Kulturen. Der Papst ist Hirte, Lehrer und Gesetzgeber der Kirche. Er muss die Einheit wahren, nicht indem er mit taktischem Geschick Strömungen und Mehrheitsmeinungen in der Kirche austariert, wie das in einer Demokratie geschieht, sondern indem er den Willen Christi darlegt.

 

In seiner Inaugurationsvorlesung bei der internationalen Konferenz „Eine Welt – viele Kulturen. Dialog der Kulturen, Zivilisationen, Religio­nen in einer globalisierten Welt“ an der Kasimir-der-Große-Universität in Bydgoszcz­/Bromberg beschäftigt sich der Abt des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz im Wienerwald, Professor Maximilian Heim OCist, mit dem Thema „Der Platz der Theologie in der universitas scientiarum“. Damit sind wir eingeladen, darüber nachzudenken, wie Philosophie und Theologie zueinander stehen. Mit Papst Benedikt verweist der Autor auf die wichtigste christologische Begriffsbestimmung, die chalzedonensische Formel des „Unvermischt und Ungetrennt“: So wie der göttliche Logos mit der menschlichen Person Jesus Christus als ungetrennt und unver­mischt dargestellt wird, so ist auch das Verhältnis von Philosophie und Glaube zu denken. Diese Grundlinie zeichnet der Autor anhand der Ansprachen von Papst Benedikt, die er an Universitäten bzw. vor akade­mischem Publi­kum gehalten hat, faszinierend nach.

 

General a. D. Karl-Heinz Lather bezieht Stellung zum aktuellen Thema „Soldat und Christ sein“. In seiner letzten Aufgabe als aktiver Soldat und Chef des Stabes des NATO-Oberkommandos SHAPE in Belgien erreichten ihn sehr oft, zu oft, Nachrichten, dass unser Bündnis wieder Gefallene und Verwundete in Afghanistan, im ISAF-Einsatz zu beklagen hatte. Gefragt, ob er Gott nur in solchen Situationen brauchte, ist seine Antwort ein klares Nein. Gott und seine Kirche begleiten ein Leben lang, nicht nur im Einsatz, vor allem auch in der elterlichen und eigenen Familie und im beruflichen Alltag. Die Friedensethiken der katholischen und evangelischen Kirchen sind nahezu identisch und lassen im äußersten Falle, als ultima ratio also, die Androhung und die Anwen­dung militärischer Gewalt zu. Wir dürfen militärische Gewalt nicht kate­gorisch ausschließen, weder humanitär noch als Intervention in einen Unrechtsstaat oder gegen den Machtmissbrauch eines Diktators, noch in einem zwischenstaatlichen Konflikt. Wir können sie vielmehr dann akzep­tieren, wenn alle anderen, vor allem die diplomatischen und politischen Anstrengungen vergeblich geblieben sind.

 

Der „Auftrag zur Versöhnung mit Gottes Schöpfung“ ist das Thema der Minister-präsidentin des Freistaates Thüringen, Christine Lieber­knecht. Das Christ-Sein steht in einem direkten Verhältnis zu unserem Reden, Handeln, Wollen und Planen. Christlicher Glaube ist ein Gnaden­geschenk, das uns im Gebet zufließt und uns mit Gott verbindet. Der Glaube an den dreieinigen Gott erzeugt in uns Erfahrungen, die es er­möglichen, unsere Lebensweise und unsere Entscheidungen auf die gött­lichen Gebote auszurichten und damit uns selbst zu verändern. Wer sich von Gott trennt, handelt abseits von göttlicher Liebe und Wahrheit. Wir müssen stetig lernen, das Richtige vom Falschen, das Gute vom Bösen, Gerechtigkeit von Ungerechtigkeit durch Gottes Gnade und durch Selbst­erkenntnis zu unterscheiden. Christen, die politische Ämter innehaben, wissen sich gerufen, ihr Staatsamt mit Gottes Willen und Wirken in der Welt in einen harmonischen Zusammenhang zu bringen. Unser christli­cher Glaube fordert die unbedingte Hinwendung zu Gott, nicht nur gefühlsmäßig, sondern auch mit unserer Vernunft. Christlicher Glaube sorgt nicht dafür, dass ich etwas, was mir wichtig erscheint, bekomme und Reichtum anhäufe, sondern Liebe und mehr als Liebe gebe, also in erster Linie die Menschenrechte und mehr davon achte, so die Ministerpräsi­dentin.

 

Hat die Familie im Schöpfungsplan Gottes einen überzeitlichen Stellenwert? Und welcher könnte das sein? Lässt sich das vielleicht durch biblische Recherchen und unter Zuhilfenahme des Katholischen Welt­katechismus ergründen? Fragen dieser Art sind dringlich geworden und werden von Christa Meves in ihrem Beitrag „Die Stellung der Familie im Schöpfungsplan Gottes“ beantwortet. Seit etwa 45 Jahren findet in unse­rer Gesellschaft fast unbemerkt, und dennoch außerordentlich erfolgreich, ein Angriff auf die Institution Familie statt. Im Hauptstrom der Medien wird der Zusammenschluss eines Ehepaares und ihre Verpflichtung, die aus ihrer Verbindung hervorgegangenen Kinder zu erziehen, mehr oder weniger schleichend als veraltet in Frage gestellt. Die Aufgabe der Familie ist – mit all den leisen Wegweisungen Gottes, die die Autorin seit Jahr­zehnten unermüdlich beschreibt – vor allem ein elterlicher Auftrag.

 

„Und das Wort ist Fleisch geworden – Die Inkarnation des Logos als Auftrag christlich inspirierter Politik“ – diesem spannenden Thema wid­men sich Professor Werner Münch, ehemaliger Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, und Dr. Andreas Püttmann gemeinsam. Das biblische „Im Anfang war das Wort“ bedeutet zunächst, dass der Welt ein Sinn, ein geistiger Grund vorangeht. Auch unser demokratischer Verfassungsstaat postuliert eine „objektive Wertordnung“, die ihren „Mittelpunkt in der innerhalb der sozialen Gemeinschaft sich frei entfaltenden menschlichen Persönlichkeit und ihrer Würde findet“, so das Bundesverfassungsgericht. Ihre Geltung setzt eine Unterscheidung von Gut und Böse voraus, die einem Menschen ohne „Religio“, ohne Rückbindung an Gott als Urquell ewiger Rechte, „die droben hangen unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst“ (Friedrich Schiller) schwerer gelingt. Daher liegt es im Interesse des Staates, dass die Warnungen des Papstes vor einem Kultur zerstörenden Relativismus nicht nur Katholiken, sondern allen Menschen guten Willens einsichtig gemacht werden.

 

Mehrere Aspekte stellt der ehemalige Präsident des Europäischen Parlamentes, Professor Hans-Gert Pöttering, in seinen Ausführungen „Zur Bedeutung des Glaubens für ein Leben in der Politik“ heraus: Zum einen der Gedanke, dass Glaube sich immer in Gemeinschaft vollzieht und ein Glaubender nicht allein ist, zum anderen der Hinweis, dass Glaube in einer pluralen Gesellschaft Orientierung zu bieten vermag und damit zur Grundlage für Entscheidungen werden kann. Entscheidend aber ist, dass der Glaube die Hoffnung gibt, immer wieder, selbst in schwierigen Situationen getragen und aufgefangen zu werden. Diese Hoffnung bietet auch über das irdische Leben hinaus eine Perspektive.
In dem Wissen, von einem persönlichen Gott angenommen zu sein, lässt sich Lebensglück finden. Für christliche Politiker als gläubige Menschen bleibt es eine ständige Aufforderung, sich auf die Grundlagen ihrer Politik zu besinnen im Licht der Anregungen, die der Papst durch seine Bücher und Predigten gegeben hat. Eines seiner wesentlichen Ziele ist, bei vielen Menschen Freude am Glauben zu wecken und zu vertiefen. Denn so lässt sich ein christliches Europa bauen.

 

Unter der Überschrift „Einigkeit und Recht und Freiheit“ beschäftigt sich Prälat Professor Lothar Roos mit den „Grundlagen des demokrati­schen Verfassungsstaates von Bischof Ketteler zu Benedikt XVI.“ In seiner ersten Ansprache auf deutschem Boden anlässlich seiner Apostoli­schen Reise zitierte Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 auf Schloss Bellevue in Berlin, das, wie er sagte, „Wort des großen Bischofs und Sozialreformers“ Wilhelm Emmanuel von Ketteler, das dieser 1848 beim ersten „Katholikentag“ in Mainz ausgesprochen hatte: „Wie die Religion der Freiheit bedarf, so bedarf die Freiheit der Religion.“ Worin gründet diese Aktualität? Papst Benedikt geht es wie Bischof Ketteler um die Würde und Rechte der Menschen. Beide wenden sich gegen Auf­fassungen, die diese ohne verfassungsrechtliche Sicherungen in die Hand der jeweils demokratischen Mehrheit legen wollen.

 

Einige philosophische Meditationen „Über den Glanz der Wahrheit“ bringt uns Professor Harald Seubert nahe. Unter den bedeutenden Theologen des 20. Jahrhunderts ragt das Werk Joseph Ratzingers in einer ganz spezifischen Hinsicht heraus: ihm ist ein ungewöhnlicher Glanz, eine Schönheit eigen, die den wahren Gedanken oft begleitet. Gelegentlich war deshalb von Ratzinger als dem „Mozart der Theologie“ die Rede. Das Schöne, die Verklärung, in der endliche Formen auf die Spur der Ewigkeit diaphan werden, gehört in die Mitte des Verhältnisses von Glaube und Vernunft, die der Papst als Inbegriff der Liebe versteht. Da Gott Liebe ist, öffnet er sich auch menschlicher Vernunft und will von ihr verstanden sein. Mehr noch: er gibt als ihr inwendiger, sie versammelnder Grund dieser Vernunft allererst ihren Grund und ihr Urbild.

 

Mit seinem vielzitierten Wort von der „Ent-weltlichung“ der Kirche meint Papst Benedikt nicht den Rückzug aus der Welt oder gar eine Opposition zur Welt, sondern das Gegenteil – so S. E. Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst in seinen Betrachtungen „ ,Ent-weltlichung‘ als Dienst an der Welt – Soziale Verkündigung und öffentliche Verant­wortung“. Die angesprochene „Ent-weltlichung“ der Kirche zielt auf eine geistliche Vergewisserung und Bewusstseinsbildung für den Kern des christlich-kirchlichen Daseins. Sein Wort von der „Liebe in der Wahrheit“ als einzig stabile Grundlage für ein gedeihliches menschliches Zusam­men­leben richtet sich gegen einen übersteigerten Individualismus und die Illusion des modernen Menschen, durch eigene Kraft oder technisch-öko­nomische Vernunft eine „Selbstbefreiung vom Übel“ erreichen zu können.

 

Ist es nicht eine Tragik, dass bei aller vermeintlichen Fortschrittlich­keit unserer heutigen Gesellschaft viele Christen sich immer weiter von Maria entfernen, fragt I. H. Johanna Gräfin von Westphalen in ihrem Beitrag „Maria – Hilfe der Christen und Pforte des Himmels“. Noch im 18. Jahrhundert gab es in evangelischen Gebetbüchern eine Marien­andacht. Es fanden sich dort Marienlieder, die heute noch in den katholi­schen Gesangbüchern stehen. Luther kritisierte zu Recht die damalige Volksfrömmigkeit, die Maria als christusverdrängende Heilsgestalt, ja sogar als Gnadenspenderin verehrte. Aber er lässt die Anrufung Marias als Fürsprecherin zu und verehrte das Kreuzzeichen. Für die Autorin wäre es ein echter Fortschritt in der Ökumene, wenn beide urchristlichen Gewohnheiten – die Marienverehrung und das Kreuzzeichen – auch evangelischerseits wieder aufgenommen würden.

 

Frieden zu stiften ist keine leichte und selbstverständliche Ange­legenheit, weiß der hochehrwürdige Abtprimas der Benediktiner, Professor Notker Wolf OSB. Sie ist nur möglich, wenn ich dienen will, statt zu herrschen, wenn ich den anderen in seiner Eigenart respektiere, auch in seiner kulturellen. „Wir haben den Messias gefunden“ (Joh 1,41) – und wir Menschen heute?“, fragt der Autor weiter. Dialog ist ein müh­sames Unterfangen. Aber nur über ihn wird Frieden zu erringen sein. Wir Menschen versündi­gen uns immer wieder gegeneinander, und es gilt – nach dem Wort des Epheserbriefs „die Sonne soll über unserem Zorn nicht untergehen“ (Eph 4,26) – möglichst bald den zerbrochenen Frieden wiederherzustellen. Letztlich aber bleiben wir Menschen unfähig, dauerhaften Frieden zu stiften. Zu sehr und zu oft versündigen wir uns gegeneinander. Auf die Botschaft Jesu vom neuen Reich Gottes vertrauend, können auch wir versuchen, das Geheimnis Jesu Christi unseren Zeitgenossen zu verkünden und die rechten Worte zu finden. Von Generation zu Genera­tion müssen wir versuchen, unseren Glauben neu zu buchstabieren.

 

Eine „Europäische Union Christlicher Tradition“ fordert Heraus­geber Roger Zörb und knüpft dabei an seine Betrachtun­gen zum vier­dimensionalen Menschenbild in der Festschrift zum 80. Geburtstag des Heiligen Vaters an. Körper, Seele, Geist, Logos – als Bewusstseinslage eines ganzen Kulturraums finden wir das letzte Mal in den Jahrzehnten, als die Blütezeit der Frührenaissance, auf das Mittel­alter folgend, langsam ausklang. Das Mittelalter, die Frührenaissance sind niemals ohne die Einbeziehung der vierten Dimension zu denken. Ihr Urgrund – die Offenbarung der Bibel – gehört der vierten Dimension, dem Logos, an. Diese alte Ordnung war verankert in der Transzendenz, im Religiösen. Sie hatte den Auftrag, als Spiegelbild kosmisch-trans­zendenter Ordnung die menschliche Gesellschaft zu orten und zu gestalten. Dem vier­dimensionalen Bewusstsein entspricht eine große Einheit, eine große Gemeinschaft – das ist der Kultur- und christliche Glaubensraum Europa. Das Wort, das einst auf dem Banner dieser Gemeinschaft stehen wird, ist ein anderes als das der Vereinten Nationen. Es wird auf eine andere Seinsebene Bezug nehmen und kann nur lauten: Gott oder das Nichts.

 

Im abschließenden Teil der Festschrift gratulieren in einer umfang­reichen tabula gratulatoria zahlreiche Persönlichkeiten, angeführt von unserem Ehrenvorsitzenden Domkapellmeister emeritus Professor Georg Ratzinger, dem Heiligen Vater zu seinem Ehrentag – darunter der Bürgermeister seiner Geburtsstadt Marktl am Inn.

 

Wir wünschen unserem Heiligen Vater und allen Leserinnen und Lesern unserer Festschrift eine angenehme Lektüre dieses anregenden nutrimentum spiritus.

 

Hamburg, im April 2012

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